Michael Ende im Gespräch
 
Wie schreiben Sie?
Haben Sie einen roten Faden im Kopf?

"Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe den Jim Knopf wirklich so geschrieben, dass ich mit dem ersten Satz angefangen habe, ohne jedes Konzept und ohne zu wissen, wie der zweite Satz heißen und worauf das Ganze hinauslaufen wird. In diesem Fall ist die Geschichte wirklich erst mit dem Buch entstanden, und ich war während des Schreibens zum Teil selber ganz gespannt, wie es weitergehen würde.
 
Bei anderen Geschichten, zum Beispiel bei der Momo, hatte ich ein ungefähres Konzept im Kopf, das sich dann allerdings während der Arbeit noch sehr stark geändert hat. Und wieder anders war es bei der Unendlichen Geschichte, da habe ich eigentlich mittendrin angefangen. Die ersten Sätze, die ich von der Unendlichen Geschichte geschrieben habe, sind heute das zwölfte Kapitel."
 
Wie kamen Sie auf die Idee für die
Unendliche Geschichte?

"Das Buch ist dadurch entstanden, dass mein Verleger in meinem Haus in Italien abends bei einigen Rotweinflaschen am Kamin meinte, ich sollte doch mal wieder ein Buch schreiben. Ich habe also meinen Zettelkasten hervorgeholt und darin lag u. a. ein Zettel, auf dem stand: 'Ein Junge gerät während des Lesens buchstäblich in die Geschichte hinein und findet nur schwer wieder heraus.'
 
Da sagte mein Verleger: 'Das hört sich gut an, das solltest Du machen.' Und ich sagte zu ihm: 'Na ja, weißt Du, da ist nicht viel drin, höchstens so `ne Hundertseitengeschichte.' 'Na, das ist ja wunderbar, da schreibste eben mal wieder ein kürzeres Buch, Deine Bücher sind ja eh immer alle zu dick. Also kann ich im nächsten Jahr damit rechnen?' 'Na', sag` ich, 'hundert Seiten werd` ich ja wohl schaffen.' Ich habe mich dann an die Arbeit gemacht - und nun passiert es manchmal tatsächlich, dass einem so ein Stoff unter den Händen explodiert.
 
Die erste Frage hieß eben: Was für ein Junge ist denn das, dem so etwas geschieht? Es gerät ja nicht jeder buchstäblich in eine Geschichte hinein. Er muss also eine bestimmte Disposition mitbringen, damit so etwas geschehen kann. Und so entstand langsam die Figur des Bastian. Auf der anderen Seite habe ich mich gefragt: Was für eine Geschichte muss das denn sein, die die Anwesenheit des Lesers tatsächlich erzwingt, in die der Leser hinein muss ... So entstand langsam Fantásien, aber dann dehnte sich das nach allen Seiten auf mich zu, und ich hatte wirklich alle Hände voll zu tun, damit das Ganze überhaupt noch eine Gestalt kriegt ..."
 
Schreiben Sie per Hand oder mit Maschine? Korrigieren Sie viel?
"Ich schreibe immer zunächst per Hand. Meine Manuskripte wimmeln von Pfeilen, Rausgestrichenem, Drüber- und Druntergeschriebenem usw. Erst wenn`s einigermaßen so weit ist, schreib ich`s als kleine Objektivierungshilfe auf die Maschine, damit ich sehe, wie es sich liest. Und dann wird meistens noch mal dran rumkorrigiert, es entwickeln sich auch neue Notwendigkeiten ... Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine einzige Seite nicht nachträglich sehr heftig korrigiert zu haben.
 
Das liegt wohl ein wenig daran, dass meine Arbeitsmethode eigentlich weniger die eines Schriftstellers ist, als ... - vielleicht liegt es auch an meiner Herkunft als Sohn eines Malers - ich arbeite eigentlich eher wie ein Maler. Maler gehen oft so vor, dass sie erst einmal mit irgendeiner Ecke des Bildes anfangen, wo dann etwas entsteht, sei es eine besondere Farbigkeit, oder sei es irgend etwas, das danach verlangt weitergeführt zu werden ... So malt man dann langsam das ganze Bild. Man hat zwar am Anfang ein bestimmtes Konzept, aber das Konzept ändert sich unterwegs, die Zielrichtung ändert sich dann auch."
 
Ich denke, auch der Klang der Sprache ...
"Ja, auch der Klang der Sprache. Ich schreibe sehr langsam, ich brauche keine Beschleunigungsmittel wie Computer oder Diktiergeräte, weil ich oft minuten-, viertelstundenlang, oft sogar noch länger über einem einzigen Satz sitze und versuche, ihn abzuschmecken: Wie muss man ihn jetzt drehen, damit er auch klingt ... Das ist ja nicht nur Bild, das ist auch Melodie."

© Thienemann Verlag 1998